Von Ines Beatrix Brückle, erschienen im Nordbayerischen Kurier Bayreuth, Juni 08
Ich hab`s getan. Ich habe mich getraut. Ich habe mir einen Ruck gegeben und Geld in die Hand genommen. Ich habe mir einen zweirädrigen Freund gekauft.
Meine Freundinnen werden mich für verrückt erklären, zumindest glauben, ich müsse geerbt haben. Maßgeschneidert kauft Mann, und Frau erst recht, teuere Schuhe, chice Klamotten, aber doch nicht Das !
So was machen doch nur testosterongesteuerte, technikvernarrte Männer, die ihre Potenz, Verzeihung: Trittfrequnz, steigern wollen. Pures Imponiergehabe, Wichtigtuerei, bestenfalls Balzgesten!
„Oh, nein! Was du für das Geld alles hättest bekommen können. Was man damit anfangen könnte: Urlaub in der Südsee, die tolle Kette beim Juwelier ums Eck, etliche Wellnessstunden bei der Kosmetikerin, Thermalbadaufenthalte, Saunabesuche, Fitnessstudiomonate!“
„Schluss damit“, werde sage ich, „ich steh zu meinem Hobby und ich habe die Nase voll von Druckstellen, Rückenschmerzen, Nackensteifheit und Kribbeln in den Handballen. Ich liebe Rad fahren, aber nach einem Hollandrad, drei Rennrädern, einem Fully, einem Tandem, drei MTB`s und zwei Trekkingrädern von der Stange in den letzten 30 Jahren wollte ich endlich einmal ein Fahrrad, das mir angepasst ist. Keines mehr, dem ich mich anpassen muss.“
Das werden sie einsehen, die Freundinnen. Haben sie sich doch immer amüsiert, wenn sie mich wieder einmal dabei erwischten wie ich einen anderen Vorbau montiert, den Sattel verschoben, auf jede erdenkliche Art an der Sitzposition gefeilt habe. Abstriche in der Kilometerleistung, weniger und kürzere Touren, das kommt für mich nicht in Frage. Das Fahrrad ist mein Entspannung- und Fitnessgerät. Auf ihm kann ich wunderbar meine Gedanken sammeln, ausspannen, dem Alltag entfliehen. Last not least ist es das gemeinsame Hobby mit meinem Mann.
Also musste etwas passieren, damit Fahrsehnsucht und Fahrspaß endlich ins Gleichgewicht kommen. In jungen Jahren hab ich zu große Rahmen, falsche Übersetzungen, harte Lenkergriffe, schmale Sättel einfach weggesteckt. Jetzt geh ich auf die 50 zu und Fehler in der Sitzposition rächen sich schneller. Das soll nicht heißen, dass ein Custommade Fahrrad erst im angehenden Seniorenstand nötig ist. Ich bedauere heute jeden Kilometer, den ich nicht maßgeschneidert gefahren bin.
Umhören, im Internet recherchieren, wo gibt es einen Maßschneider für Fahrräder in unserer Nähe?
In meinem Fall finde ich ihn im etwa 30km entfernten Neuenmarkt an der Schiefen Ebene. Das Örtchen kenne ich schon lange von Ausflügen mit den Kindern zum Dampflokmuseum und Dampfsonderfahrten.
So liest sich das auf der Internetseite:
SCRANE Philosophie
"Das Herzstück eines Rades ist sein Rahmen."
Er muss die Wünsche des Fahrers vollkommen erfüllen, seien es Funktion, Gewicht oder Ästhetik. Aber es ist das Ziel aller Rahmen- bauer, noch eine vierte Dimension zu verwirklichen: Den Athleten mit seinem Rad verschmelzen zu lassen ist das Geheimnis.
- Denn was nutzt das beste Rad, wenn es nicht passt? Wir können auf Ihre ganz persönlichen Bedürfnisse und hohen Ansprüche eingehen.
Nun sagen Sie sicher: "Das kann ja keiner bezahlen!" - Falsch! Durch unsere eigene Fertigung, sozusagen direkt vom Hersteller, sind wir in der Lage, Ihnen auf Maß gefertigte Räder zu Großserienpreisen anzubieten. - Testen Sie uns, wir freuen uns auf Ihre Kontakt- Aufnahme!
Das kann ich alles nachvollziehen und unterschreiben. So habe ich die Probe aufs Exempel gemacht, bin Ende März nach Neuenmarkt gefahren, zur SCRANE Positionsanalyse sowie Ergonomie- und Biometrie- Beratung. MyPosition! Heißt die Devise und „Der Mensch ist unser Maß“.
Gespannt lasse ich mich auf die Beratung ein. Mir kommt sie fast wie ein Anamnesegespräch beim Facharzt vor. Welche Strecken will ich fahren, was habe ich am alten Rad zu bemängeln, wie möchte ich sitzen, welche Beschwerden habe ich. Dann wird die „Operation“ vorbereitet. Meine Maße werden genommen. Schulterbreite, Schrittlänge, Armlänge, Gesamtkörpergröße, Fußstellung, Beckenstand. Genau nach diesen Maßen wird der Rahmen gefertigt. Nicht nur für Profis und Amateure, sondern auch für mich radverliebte Hobbysportlerin.
Auch beim Thema Lenker, Sattel, Sattelstütze, Vorbau, Laufräder, Schaltung, Bremsen scheint alles möglich zu sein. Alles laut Beratungsgespräch auch austauschbar, wenn die ersten Probekilometer nicht das halten, was ich mir versprochen habe.
Zu Hause kommen mir Zweifel ob ich wirklich richtig gehandelt habe als ich mir mein Custommade bestellt habe. Kostet ja doch ein bisschen mehr und Schnäppchen wie bei meinen letzten Rädern gibt’s auch nicht. Die ersten Tage der sechswöchigen Wartezeit bis zur Fertigstellung überwiegen daher Selbstkritik und Misstrauen. Die letzte Woche halte ich es vor Spannung und Vorfreude dafür kaum noch aus, rufe mehrfach an und erkundige mich nach den Fortschritten, die mein „Blümchen“ macht. Das Fahrrad ist nämlich rot mit kleinen Blümchen am Schriftzug. Ich höre schon das Schmunzeln am anderen Ende der Leitung heraus. Finde es aber nett, dass die Techniker mit meiner Namensgebung etwas anfangen können.
Dann ist er endlich da, der Tag X. Ich hole es ab, das MaßRad. Wieder komme ich mir vor wie beim Arzt, allerdings eher auf der Babystation. So müssen sich Männer fühlen, die nicht direkt bei der Geburt dabei waren. Ich habe kein Bild, keine wirkliche Vorstellung, wie mein rotes Rad aussieht, erkenne es aber sofort, wie es da abholbereit auf mich wartet. Ich bin in Fahrradklamotten gekommen- und das ist gut so, denn nun wird das Fahrrad in die Rolle gespannt und ich aufgefordert Probe zu sitzen. Alles wird genau vermessen.
„Schauns mal, wie sie zurecht kommen. Veränderungen bei den Anbauteilen sind kein Problem“, wird mir noch mit auf den Heimweg gegeben und, wie beim Baby, „nach dreihundert Kilometern, spätestens in zwei Monaten sehen wir uns wieder zum ersten Service“. Klingt wie Vorsorgeuntersuchung und ich krieg auch ein entsprechendes Heftchen.
Die dreihundert Kilometer hatte ich am verlängerten Wochenende ruck-zuck runtergeschnurrt. Nein, das Teil fährt nicht von alleine, ich habe auch zwei Tage später den Vorbau verändern und die normale Sattelstütze durch eine Federsattelstütze austauschen lassen. Ansonsten fährt mein Blümchen, oder Eichhörnchen aber derart flott durchs Land, dass ich am liebsten gar nicht mehr absteigen würde. Bergab wie der Wind, in der Ebene leichtfüßig und bergauf dank toller Kraftübertragung auch mit Genuss. 10% Leistungssteigerung lautet meine eigene Einschätzung. Wohlgemerkt ich bin eine Spaß an der Freude Radlerin. Aber warum soll ich mir`s nicht auch leichtern machen und 22km/h im Schnitt statt 20 km/h mit gleichem Kraftaufwand fahren?
Ach übrigens. Meine Freundinnen haben vielleicht doch Recht: Jetzt bin ich tatsächlich verrückt. Verrückt nach mehr Touren. Das alles hatte ich mir ja gar nicht erhofft. Ich wollte nur endlich richtig gut sitzen. Jetzt allerdings verstehe ich was mit „im“ Rad sitzen gemeint ist und mit „Einheit zwischen Mensch und Rad“. Einen Kritikpunkt muss ich an der Stelle noch loswerden: Ich hatte ein nettes Blümchen bestellt und habe einen kleinen roten kilometerfressenden Diabolino mit schwarzen Hörnern bekommen. Werde das Rädchen wohl umtaufen müssen, aber das ist im Moment mein einziges Fahrradproblem.